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Wucan Tour2015Mal eben nach Wiesbaden düsen macht man ja durchaus gerne, wenn ein besonderes Liveerlebnis winkt. WUCAN wollen meine Begleiter und ich sehen und das nicht zum ersten Mal. Schon im März diesen Jahres war ein WUCAN-Gig in der Kreativfabrik angesetzt, bei dem die Band als Hauptact auftreten sollte. Das Schicksal wollte es anders, denn der Drummer fiel leider aus. Da wir aber schon auf den Weg nach Wiesbaden waren, machten wir das Beste draus und sahen uns die anderen Bands an. Für WUCAN sprang VISDOM ein, die mich damals sehr in ihren Bann zogen.
Umso mehr freute ich mich, dass die „Ersatzband" und WUCAN einen neuen Termin im Herbst ansetzten.
An der Kreativfabrik angekommen lächelt uns ein liebevoller Hinweis an der Tür an, dass der Konzertabend erst später beginnt. Fängt ja gut an, dachte ich mir. Wir suchten uns in der nahegelegenen Bar „60/40" einen Platz an der Theke und harrten der Dinge die da kommen.

Nur ein Bier später (die Bar war gerammelt voll und die Bestellung nur eines Getränkes zog sich in die Länge) drängte ich zum Aufbruch, denn ich wollte keinesfalls irgendetwas verpassen. Vermutlich würde einem was fehlen wenn es nicht die obligatorischen Anfangsschwierigkeiten gäbe, ob man nun auf der Gästeliste steht oder nicht. Aber bald hatte sich das geklärt und noch etwas später wurde mir zwischen Tür und Angel entgegen geflötet, dass ich nun auf der Liste stehe. Selbige Dame hatte mich Anfangs schon einfach so mit einem Stempelabdruck auf der Hand bedacht – keine Ahnung warum, aber auf jeden Fall sehr nett.
Der Beginn zog sich noch etwas hin, denn WUCAN hatten das Pech mehrmals im Stau zu stehen und sie stellten das Drumkit. So wurde fieberhaft am Beginn des Abends gefeilt. Ich mag das Treiben auf der Bühne vor Konzertbeginn, denn oft ist das sehr unterhaltsam, da die Bands noch alles selbst machen.

VISDOM
VISDOM spielen ja quasi vor der Haustüre und haben somit den ein oder anderen Fan am Start.
Die nach vorne sehr enge Bühne ist mit drei Musikern schon gut besetzt, sodass Bassist und Schlagzeuger sich weiter nach hinten verteilen. So ergibt sich irgendwie ein mehrschichtiges Bühnenbild in welchem in jedem weiteren Meter nach hinten irgendwas „los" ist. Frontprediger Chris ist, wie schon vom letzten Mal in Erinnerung geblieben, immer in Bewegung. Beschwört, besänftigt und vergibt dem ein oder anderen mit seiner ausladenden Gestik. Mit seiner, für das Genre durchaus souligen Stimme, verleiht er dem Stonerrock der Mainzer Combo einen hohen Wiedererkennungswert. Gitarrist Patch wirkt mit Bart und Kappe wie frisch einem kanadischen Truck entstiegen. Er arbeitet sich gekonnt ohne großes Minenspiel oder Gepose durch die Songs, die überwiegend vom aktuellen Album „Black Soul" stammen. Sein Kollege Dennis bearbeitet etwas energischer seine Gitarre und biegt sich unter den Riffs in Extase. Basser Max sieht aus, als müsse er dem ab und an entstehenden Klangbrei zu einem harmonischen Ganzen zwingen. Wenn ich die Blicke von Drummer Jan richtig interpretiere, scheint es das ein oder andere Soundproblem auf der Bühne zu geben.

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Vor der Bühne ist davon nichts zu bemerken. Die Band spielt meiner Meinung nach wie eine Eins zusammen. Mit diesen interessanten und eingängigen Liedern kann man problemlos Stonerrock-Fans auf seine Seite ziehen. Gepaart mit mit der Bühnenpräsenz sind VISDOM live ein empfehlenswertes Erlebnis. Auch meine Begleiter und viele andere Zuschauer sind der Meinung: das ist große Klasse! Der Auftritt des Fünfers wird deshalb mit reichlich Applaus bedacht. Insgesamt ein gelungener Auftritt mit tollen Songs, der den weit angereisten WUCAN ein ordentlich angeheiztes Publikum beschert.

Setlist VISDOM
Action And Reaction
Otherside
Monkey In Silk
I'll Bring You Home
Gone For Good
White Heart
Black Soul
Vidunder

WUCAN
Mittlerweile sind gut 50 Leute in der Kreativfabrik, was für ein Undergoundkonzert (natürlich die Treppe runter im Keller – haha) schon recht gut besucht ist. Das WUCAN auch mal ein ausverkauftes Konzert vorweisen können, beweist nur wie wahnsinnig gut sie mit ihrer Färbung des Hardrock ankommen. „Kräuterrock" bezeichnet die Band in Anlehnung an „Krautrock" ihren Stilmix und gut gewürzt ging es auch den kompletten Auftritt über zur Sache. Mit „King Korea" starten WUCAN in ihr Set. Der Song beginnt ruhig und steigert sich zu einer mitreissenden Nummer. Meine Augen kleben sofort auf Francis. Ihre ausdrucksstarke Mimik, die sich je nach dem in welcher Passage des Liedes sie sich gerade befindet ändert, zieht mich in ihren Bann. Während Basser Patrik, der in sich gekehrt seine Noten dengelnd, schräg hinter der agilen Frontfrau seinen Platz findet, windet sich Gitarrist Tim unter seinen Griffen auf dem Brett seiner Axt, sodass man oft nur einen Vorhang aus Haaren zu Gesicht bekommt. Aushilfsschlagwerker Leo von THE WHITE DUKES agiert präzise im Hintergrund. Ja, der Drummer, der im März wegen Krankheit ausfiel, ist leider auch nicht mehr mit von der Partie. Aktuell sucht man tatsächlich einen festen Drummer, der sich durch Engagement und energetisches Spiel auszeichnen sollte.

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Irgendwie muss ich kurz ins Fan-Koma gefallen sein, denn fünf mitgerockte Stücke später, geht WUCAN mit „Wandersmann" schon in die Schlussrunde. Gerade dieses Meisterwerk, mit seinen gut fünfzehn Minuten Spielzeit, hat schon mehr zu bieten wie der gesamte Auftritt manch einer anderen Band. Da es mein erster Besuch eines Gigs der Dresdner ist und ich mir wackelige Youtube-Video erspart habe, bin ich sehr angetan von diesem vielschichtigen Werk. Francis liest tatsächlich aus einem Buch vor, welches am Ende der Passage im hohen Bogen auf die Bühne fliegt. Überaus theatralisch, keineswegs peinlich, sondern sehr passend.
Ich schaue nicht, ich starre Richtung Francis. Der gekonnte Wechsel zwischen Querflöte, Gesang, Gitarre und Theremin sucht seinesgleichen. Dabei rockt sie wie ihre vermeintlichen Vorbilder und sieht mit ihren passend zum Spiel kreisenden Hüften einfach auch besser aus als die meisten. Die Frontfrau lässt die lange blonde Mähne fliegen, provoziert mit ihren Augen nach dem Motto „fang mich" und brüllt sich stellenweise mit weit aufgerissenem Mund die Seele aus dem Leib.
Das kommt gut an und die Zuschauer sind so aus dem Häuschen, dass sie laut nach einer Zugabe rufen. Die hungrige Meute bekommt dann noch „Crash Course In Brain Surgery" von BUDGIE serviert, bevor die Truppe die Bühne räumt.
Selten bekommt man so eine Urgewalt zu Gesicht. Hier wird mit Herzblut musiziert. So muss eine Rockshow sein! Wer meint hier wird nur steif auf der Querflöte geblasen und nicht gerockt, soll mal seinen Kopf aus seinem Hintern ziehen. WUCAN werden mit diesem Sack voller musikalischer Ideen jede Bühne der Welt kapern.

Setlist WUCAN
King Korea
Owl Eyes
Franis Vikarma
Dopetrotter
Looking in the Past
Father Storm
Wandersmann

Crash Course In Brain Surgery – BUDGIE (Cover)

Es ist mir völlig egal ob eine Band mit ihrer Musik und/oder mit ihrem Stil zu spät dran ist. Ich lasse mir von der grassierenden Marketingstrategie der Musikindustrie nicht vorschreiben, was ich wann hören oder sehen soll. In diesem Haifischbecken der Konzertszene in Deutschland tummeln sich so viele austauschbaren Gruppen, dass man als Musikfan und Konzertgänger die individuell und nerdig agierenden Formationen gierig aufsaugt. Ich finde es bewundernswert, dass sich immer mehr Frauen wagen nach allen Regeln der Kunst hemmungslos und auch respektlos loszurocken , anstatt nur Zierrat in irgendeiner Formation zu sein. Die Frontfrau in diesem Fall ist Francis von den Retro-Rockern WUCAN, die es versteht dem alten Sound eine neue Richtung zu geben und durch ihren Gesang und das Querflötenspiel starke eigene Akzente setzt. (Andreas)

Fotos: Andreas

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