wishboneash tourflyer„January is germany“, Urgestein Andy Powell ließ es gar auf der Bühne verlauten, wohin der Tourkalender die Rockinstitution jahrjährlich führt. Dabei nehmen sich die Briten die Zeit und beackern viele kleine Clubs, anstatt ein paar große Hallen aufzusuchen. Business as usual? Keineswegs, denn auch vier Jahre nach dem letzten Longplayer „Blue Horizon“ entwickelt sich die Formation weiter. Auch der letzte Line-Up-Wechsel ist schon etwas länger her, nun war es wieder soweit, wobei NECKBREAKER den neuen Mann Mark Abrahams schon beim Sweden Rock begutachten konnte. Daher dürfte auch das Hauptaugenmerk auf dem Gitarristen gelegen haben, denn die Truppe ist ja für ihren Twinleadsound bekannt. Unterstützt wurden sie dabei von Doris Brendel, einer sehr interessanten Künstlerin.

Dieses Spektakel wollten in dem kleinen und kuscheligen Ducsaal dann doch einige Musikliebhaber verfolgen. So war der Ansturm im Restaurant nebenan bereits sehr groß und auch oberhalb der Treppe zum Club hinunter staute es sich beim Einlass. So hatte unsere Delegation ein bisschen das Nachsehen und musste etwas auf Bewirtung und Essen warten, als wir ankamen war noch nicht mal ein Platz an der Theke frei. Dadurch verpassten wir den Auftakt des Supportacts, was bei der musikalischen Bandbreite schade war.

DORIS BRENDEL
Nachdem sich der Verfasser dieser Zeilen endlich einigermaßen in den Club vorgearbeitet hatte, war es zuallererst die Optik der Dame und ihre Begleitmusiker, die ins Auge stach. So kunterbunt wie ihre Stilmixtur war auch ihr Auftreten, das eindeutig den Rahmen sprengte und eigentlich nicht zu den eher biederen Rockern des Hauptacts passen wollte. Die Frontfrau ist schon eine interessante Erscheinung, nicht nur wegen ihres weißen Rüschenkleides. Vor allem ihre Ausstrahlung hat fast etwas unwirkliches, die Augen für eine Frau unglaublich stechend, dazu zog sie die Mundwinkel bemerkenswert hoch, wenn sie lächelte.
Dazu hatte sie genug Gelegenheit, denn dem im Ducsaal immer aufgeschlossenen Publikum gefiel die Darbietung. Ihre Mitstreiter waren ebenso phantastisch kostümiert, wobei diese alten Gardeuniformen ja schon von Hendrix und Malmsteen gerne aufgetragen wurden. Und ja, Spandexhosen gab es zumindest bei letzteren auch dazu. Dazu trugen einige Musiker Zylinder, auf denen die Steampunk-mäßigen Sonnenbrillen drapiert wurden, Frau Brendel hatte sich diese ins Haar gesteckt. Dies war das einzige gemeinsame Merkmal der fünfköpfigen Formation, deren schrilles Auftreten natürlich sofort das Interesse weckte.

Angesiedelt war das Gebräu irgendwo zwischen Folk und Neoklassik, Rock umschreibt es nur schwer, progressiv war das aber auf jeden Fall was sie da darboten. Schon alleine, dass die Instrumente gerne mal gewechselt wurden und die gute Doris öfter zur Flöte griff, um dem Ganzen ein paar weitere Nuancen hinzu zu fügen. Getragen wurden alle Stücke mehr oder minder von den perlenden Pianokaskaden aus den Fingern von Brendels Songwritingpartner Lee Dunham. Diese Basis wurde dann nach Belieben verändert, mal im normalen Rockmodus, dann wie im letzten Stück wuchtig, wenn die Saitenfraktion zu Marschtrommeln griff und einen Hauch von RUNRIG versprühte.

So richtig greifbar war da nichts, zu sehr variierte auch die Dynamik, obwohl die Atmosphäre meist im getragenen Bereich war. Doch das Manko machten DORIS BRENDEL und ihre Mannen mit viel Esprit wieder wett, die Spielfreude war ihnen in jeder Sekunde anzusehen. Auch wenn sie wenig Platz auf der Bühne hatten, so waren die Fünf sehr agil und suchten sowohl den Kontakt zum Nebenmann wie auch zum Publikum. Die Frontelfe tänzelte die ganze Zeit umher und verdiente sich weitere Sympathiepunkte, indem sie einige Ansagen in Deutsch hielt, und dabei ihre österreichischen Wurzeln offenbarte. Dem Applaus und dem Andrang am Merchstand hinterher nach zu urteilen, dürfte die Britin an dem Abend einige neue Freunde für ihre Musik gewonnen haben.

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WISHBONE ASH
Nach einer gewohnt längeren Pause, um den Bierverzehr anzukurbeln, ging es dann im endgültig aus allen Nähten platzenden Ducsaal mit dem Headliner weiter. Die Pause war auch bitter nötig, denn alleine der Weg nach draußen gestaltete sich als beschwerlich. Doch mit den ersten Tönen war dann jeder auf seinem Platz, wobei dieser zwangsweise gehalten wurde. Das hatte für die Band wiederum den Vorteil, dass die Stimmung dementsprechend groß war, denn von Beginn an machte das Publikum Alarm.
Dabei machten es die Vier ihren Anhängern nicht leicht, denn in der Setlist befanden sich einige Stücke, die man nicht unbedingt erwarten konnte. Material aus der ersten Dekade des Jahrhunderts fand sich zuletzt wieder häufiger im Programm, doch wer hätte schon gedacht, dass es zwei Kostproben von „Strange Affairs“ geben würde. Bereits das eröffnenden, instrumentale Titelstück von „Bona Fide“ war das erste Ausrufezeichen, mit dem Schlusstrack von „There´s The Rub“ gab es noch einen weiteren Titel ohne Gesang.

Nun hat nicht etwa die Stimme von Frontmann Andy Powell gelitten, vielmehr hatte man einfach Lust auf die Nummern. Der Frontmann war an dem Abend auch deutlich besser gelaunt als noch vor zwei Jahren, als er etwas angeschlagen wirkte. Seine Posen sind zwar längst bekannt, doch verfehlten sie auch an dem Abend ihre Wirkung nicht, wenn er sich nach einem Anschlag seitlich herunter beugt, hat das durchaus etwas vertrautes. Immer wieder war er zu Späßen aufgelegt, wobei sich da sein Sidekick Abrahams als idealer Adressat entpuppte. Darüber hinaus verstand er sich bestens mit seinem Neuzugang, der sich nun blind auf seinen Bandchef eingespielt hat.

Wobei es natürlich Unterschiede zu seinem direkten Vorgänger gab, selbst wenn der auch eher der Blueser des Duos war. Doch das Spiel des guten Mark wirkt deutlich feiner, er nutzt weniger die Slidegitarre, dafür ist sein Stratocastersound eine Bereicherung für das Gesamtbild der Band. Natürlich standen die doppelten Leads eindeutig im Vordergrund, da hingen die Augen der Anwesenden am gebanntesten an den Gitarrenhälsen der beiden. War der neue Mann in Schweden noch ein wenig zurückhaltend, so hat er nun seine Rolle in der Formation gefunden.
Ob es an seinem gesteigerten Selbstvertrauen lag oder generell seinem Spiel, lässt sich schwer sagen, doch WISHBONE ASH agierten rockiger, fordernder, straighter als gewohnt. Das war fast jedem Titel anzumerken, vor allem bei den ganz alten Sachen trat das psychedelische Element etwas in den Hintergrund. Dennoch waren die Herren in der Lage auch in geradlinigerem Tempo sehr gekonnt mit der Dynamik zu spielen. Es war jedoch das spätere Material, welches von der Darbietung profitierte, so ganz abgeschworen hat Powell dem Hard Rock scheinbar doch nicht.

An jenem Abend durften die beiden Sechssaiter jedoch nicht nur bei ihrer Leadarbeit beweisen, was sie aus ihren Händen zu zaubern imstande sind. Um noch mehr Abwechslung in das Set zu bringen, interpretierte man zwei Titel akustisch, wobei vor allem das beschwingte Lied vom angesprochenen „Strange Affairs“ bestens dafür geeignet war. Der stromlose Beitrag von „Argus“ ist ja schon auf Platte sehr ruhig und ätherisch ausgefallen, offenbarte aber auch hier neue Facetten. Überhaupt wurde das Referenzwerk dieses Mal noch öfter bedacht als auf den zurück liegenden Shows, dafür blieb der Nachfolger „Wishbone Four“ außen vor. Insgesamt waren bei den vierzehn Stücken ganze fünf Dopplungen zum letzten Gastspiel vor zwei Jahren dabei.

Der Elan der Formation, ob er nun dem neuen Mann geschuldet ist oder der Laune des Mainman, steckte das Publikum natürlich an. Diesem blieb nichts anderes übrig, sich sehr dicht um die Bühne zu drängeln. Das mag dem ein oder anderen älteren Semester nicht gepasst haben, doch wir haben es hier immer noch mit einer Rockband zu tun. Obendrein war es für die Vier auf der Bühne bei einigen Songs ebenfalls etwas enger als sonst, denn sie bekamen stimmliche Unterstützung von Doris Brendel und Lee Dunham, die sich in die Satzgesänge gut integrierten.
Und schließlich kommt durch dieses sehr intime miteinander von Künstler und Publikum richtig gute Stimmung auf. Gerade die Klassiker am Ende wurden nach allen Regeln der Kunst abgefeiert und auch einige Teile vom Publikum mitgesungen. Dazu wurde das ein oder andere Arrangement ganz spontan geändert, doch Improvisation stand ja schon seit jeher auf der Agenda von WISHBONE ASH, die eher kurze Stücke gerne mal in die Länge ziehen. Gerade beim überraschendem Rausschmeißer wurde der stimmungsvolle Ducsaal schön miteinbezogen und sorgte nach knapp hundert Minuten für das perfekte Finale. (Pfälzer)

Setlist WISHBONE ASH:
Bona Fide
Eyes Wide Open
Way Down South
The King Will Come
Warrior
Throw Down The Sword
Wings Of Desire
Leaf And Stream
F.U.B.B.
Standing In The Rain
Jailbait
Phoenix
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Blowin´ Free
Faith, Hope And Love

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